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Tag der Provenienzforschung

Mehrere Sammlungen der LMU sind beteiligt und bieten Einblicke in ihre Arbeit

14.04.2021

Sammlung Herzögliches Georgianum | Sammlung Institut für Kunstgeschichte | UniversitätsbibliothekSammlung Institut für Vorderasiatische Archäologie

In diesem Jahr wird zum dritten Mal der Tag der Provenienzforschung veranstaltet. Zum ersten Mal beteiligen sich mehrere Sammlungen der LMU an dieser Veranstaltung und bieten Einblicke in die Arbeit an den institutseigenen Beständen. Die Untersuchung der Provenienz der Sammlungsobjekte macht einen festen Bestandteil in Forschung und Lehre aus und ermöglicht produktive Kooperationen über Fakultätsgrenzen hinaus.

1. Archiv und Sammlungen des Herzoglichen Georgianums: Zur Provenienz des Altaraufsatzbildes „Hl. Aloisius von Gonzaga“

Die beiden Altaraufsätze mit den Porträts der Heiligen Aloisius von Gonzaga und Johann Nepomuk aus dem Herzoglichen Georgianum sind eindeutig dem Kongregationssilber aus der Schatzkammer der Universität aus der Ingolstädter Zeit zuzuweisen.

Nachdem in der Ingolstädter Kapelle des Colloquium Marianum seit 1738 Johann Nepomuk als zweiter und seit 1752 Aloisius von Gonzaga als dritter Patron verehrt wurde muss für diese Altaraufsätze eine Provenienz aus dem Colloquium Marianum des Jesuitenkollegs Ingolstadt angenommen werden. Zumal sich die Datierung der Bilder in der seinerzeitigen Kapelle und im heutigen Georgianum deckt (1761). Der Besitzstand fiel mit der Aufhebung des Jesuitenordens 1773 an die Universität. Der Altaraufsatz mit dem Porträt des Heiligen Aloisius von Gonzaga kam mit seinem Gegenstück, dem Heiligen Johann Nepomuk, durch die Umzüge der Universität von Ingolstadt über Landshut (1800) nach München (1826) in die Kunstsammlung des Herzoglichen Georgianums. Der Altaraufsatz mit dem Heiligenbild des Johann Nepomuk gilt jüngst als verschollen (P. Laurentius Koch, 1991 und Reiner Kaczynski, 1994).

Zum Beitrag auf der Homepage des Universitätsarchivs

Ansprechpartner: Dr. Claudius Stein und Julia Rundel (juliarundel@yahoo.com)

Lit.: Eduard J. Raps: Das Herzogliche Georgianum in München und seine Kunstsammlung unter Andreas Schmid (1865-1910), München 1970; P. Laurentius Koch OSB, Die Brüder Hölzl, Maler aus Dietramszell, in: Beiträge zur Heimatforschung. Wilhelm Neu zum 70. Geburtstag, München 1991, S. 96ff.; Andreas Schmid, Geschichte des Georgianums in München, Regensburg 1894, S. 66 und S. 202; Werner Schnell, Die Kunstsammlung, in: Reiner Kaczynski (Hg.), Kirche, Kunstsammlung und Bibliothek des Herzoglichen Georgianums, Regensburg 1994, S. 39–128, hier Nr. 142.nach oben

2. Herkunft und Provenienz der Grafischen Sammlung des Instituts für Kunstgeschichte – Ein Werkstattbericht

Der Grundstock der Grafischen Sammlung am Institut für Kunstgeschichte ist eine zeittypische, bürgerliche Privatsammlung aus dem 18. Jahrhundert. Diese wurde 1803 von der Universität angekauft und für Anschauungszwecke fächerübergreifend im Unterricht verwendet. Ein erster Katalog der Universität von 1807 gibt einen Überblick über den ursprünglichen Bestand von ca. 8.000 Blättern. Noch vorhanden sind die von dem späteren Betreuer der Kunstsammlung Anton Meßmer (1866-1879) erstellten Verzeichnisse aller Porträts und aller Stecher, sowie ein sog. Standort-Katalog, der die regionalen Schulen des Bestandes angibt, und Identifizierungsruckschlüsse ermöglichen (Abb. 1.).

 

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Abb. 1: Auszug aus dem Bildnisse Verzeichnis, vor 1872, S. 9, ergänzt mit Angaben zu heutigen Inventarnummern.
© Grafische Sammlung, Institut für Kunstgeschichte, LMU München.

Im Gegensatz dazu umfasst die Sammlung heute – trotz späterer Ankäufe und Schenkungen von Künstler*innen – lediglich 3.300 Blätter. Neben einer größeren Entnahme von 2.500 Blättern um 1812 sind Anfang des 20. Jahrhunderts weitere große Verluste zu vermelden. Denn mit der Einführung neuer Medientechniken setzte sich eine Umgestaltung des Unterrichts durch, welche das bisherige Anschauungsmaterial obsolet machte. Erst seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurde begonnen, den Bestand zu erweitern, auszustellen und in die Lehre einzubeziehen.

Die Grafische Sammlung in der Lehre

Die institutseigene Grafische Sammlung bietet verschiedene sammlungsgeschichtliche Aspekte an, welche in der Lehre sinnvoll mit Studierenden erforscht und kritisch diskutiert werden können. Aufbauend auf den wissenschaftlichen Arbeiten von Karl Kempter und Richard Stalla wurden in den letzten zwei Semestern Übungen zu der historischen Sammlung angeboten. Im Fokus stand neben der Einführung in die Benutzung von Archiven und deren Quellenmaterialien, den Umgang mit spezialisierten Datenbanken zu erlernen. Ziel der Übungen war es, mit Methoden der Provenienzforschung dem ursprünglichen Bestand näherzukommen. So konnten dank der Erschließung sowie Bearbeitung der digitalisierten Dokumentation einige Rückschlüsse auf die Entstehungszeit einzelner Grafiken erlangt werden. Hierfür spielte daneben der Vergleich mit der zeitgenössischen Ratgeber-Literatur (Abb. 2) sowie die Arbeit mit spezifischen Datenbanken eine entscheidende Rolle. Zugleich verdeutlichte die Arbeit an verschieden Datenbanken die Herausforderungen universitärer Sammlungen und die Lösungsansätze zu deren Bewältigung.

 

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Abb. 2: Füssli, Johann Caspar: Joh. Caspar Füesslin raisonirendes Verzeichniss der vornehmsten Kupferstecher und ihrer Werke : zum Gebrauche der Sammler und Liebhaber. Zürich : bey Orell, Gessner, Füesslin und Comp., 1771.
© ETH-Bibliothek Zürich, Rar 6715 (https://doi.org/10.3931/e-rara-829)

Ausblick

Die Grafische Sammlung zeichnet sich durch ihren reichen Bestand an geschichtlichen Stilrichtungen, regionalen Herkünften, ikonografischen Themen und druckgrafischen Techniken aus. Durch ihre digitalisierte Erfassung und die unmittelbare Zugänglichkeit im Institut leistet sie einen lebendig-anschaulichen Beitrag zur universitären Lehre.
Die Untersuchung der Grafischen Sammlung ließ sich in diesem Format und unter gegebenen Umständen nicht vollständig abschließen. Dennoch können die Lehrveranstaltungen als Gewinn für beide Seiten gewertet werden. Institutseigene Archivbestände konnten dank der Zusammenarbeit mit der Universitätsbibliothek der LMU digitalisiert und erschlossen werden. Die Studierende konnten erste praktischen Erfahrungen sammeln und eine Auflistung der noch zu untersuchenden Archivbeständen eigenständig erarbeiten. Dadurch konnten sie eine „Roadmap” zur weiteren Untersuchung der Provenienz der Blätter sowie der Sammlungsgeschichte erstellen. Für die Zukunft wird daran gearbeitet, die gesamten Wissensbestände zentralisiert digital zu erfassen und den Forschenden zugänglich zu machen.

Ansprechpartner: Prof. Dr. Antoinette Maget Dominicé, Dr. Karl Kempter und Elisa Ludwig (elisa.ludwig@kunstgeschichte.uni-muenchen.de) nach oben

3. Universitätsbibliothek – Provenienzerschließung als Kerngeschäft

Für die historischen Sammlungen in wissenschaftlichen Bibliotheken ist die Provenienzerschließung kein Neuland. Sie war und ist Bestandteil vor allem der Handschriften- und Inkunabelkatalogisierung – und das lange bevor die Provenienzproblematik im Kontext der Suche nach NS-Raubgut gegen Ende des vergangenen Jahrhunderts in den Blickpunkt einer interessierten Öffentlichkeit geriet. Durch diese Aktivitäten ist längst ein umfangreiches maschinenlesbares Datenreservoir vorhanden. Im Online-Katalog der UB existiert seit 2012 das Suchfeld „Provenienz”. Die Online-Erfassung der Provenienzen des Altbestandes der Zentralbibliothek hat sich im vergangenen Jahrzehnt rasant fortentwickelt. Die Provenienzdatei der Abteilung Altes Buch der UB umfasst im Erscheinungszeitraum 1501 bis 1900 mittlerweile knapp 1.300 vorbesitzende Personen und Institutionen für mehr als 8.500 bibliographische Datensätze. Eine retrospektive Erfassung der umfangreichen Vorbesitzerkartei, die vor 60 Jahren im Zuge der Katalogisierung der mittelalterlichen Handschriften begonnen wurde, erfolgt sukzessive.

Ein Beispiel gleich mit bayerischer Doppelprominenz

Die Postinkunabel stammt aus dem Besitz des Juristen, herzoglichen Sekretärs und Archivars Christoph Gewold (1556-1621), dessen Bibliothek die Universitätsbibliothek Ingolstadt 1621 erhielt, wo Gewold seit 1617 seine letzten Lebensjahre verbrachte; die Zuordnung ist durch sein Wappen-Exlibris möglich. Das in Paris bei Jean Petit gedruckte Werk besaß vor ihm der Humanist und Historiograph Johannes Aventinus alias Johann Georg Turmair (1477-1534) aus Abensberg in Niederbayern, der es zur Zeit seines Studiums in Paris 1503/04 erworben haben dürfte; dass es sich um ein Handexemplar Aventins handelt, erkannten die Münchner Bibliothekare schon im frühen 20 Jahrhundert und vermerkten es im Buch.

Gaguin, Robert: Co[m]pendiu[m] de gestis francoru[m]. [Paris]: Petit, 1504
(Universitätsbibliothek der LMU München, W 2 Hist. 33)

 

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Abb. 1: UB-Vorbesitzerkartei
© Universitätsbibliothek der LMU München

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Abb. 2: Wappen-Exlibris von Christoph Gewold und handschriftliche Marginalien Aventins
© Universitätsbibliothek der LMU München

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Abb. 3: N[ota] b[ene]! Handexemplar Aventins!
© Universitätsbibliothek der LMU München

Ansprechpartner: Dr. Sven Kuttnernach oben

4. Mithras, woher kommst Du? Die Entzifferung geheimnisvoller Handschriften auf der Rückseite eines Reliefs in der Sammlung des Instituts für Vorderasiatische Archäologie

Bei einer Sichtung im Rahmen einer Lehrveranstaltung zur Ausstellung „From Mesopotamia with Love” tauchte 2017 in einer Schachtel zusammen mit drei schriftlichen Dokumenten ein singuläres Objekt auf. Es handelt sich dabei um die verkleinerte, stark ergänzte Kopie eines Reliefs (Abb. 1), vermutlich aus Petronell-Carnuntum (Niederösterreich), wie ein Vermerk auf der Rückseite nahelegt. Das Original war dort 1894 im Mithräum III (einem Tempel zu Ehren des Gottes Mithras) aufgefunden worden und befindet sich heute im 1904 eröffneten Museum Carnuntinum in Bad Deutsch Altenburg. Dargestellt ist die Tötung des Stieres aus dem Mithrasmythos, wobei die Darstellung der klassischen Ikonographie des römischen Mithraskultes folgt. Interessanterweise weichen die Ausführung und Rekonstruktion sowohl von der 1895 in der Ausgrabungspublikation veröffentlichten Version als auch vom aktuell im Museum ausgestellten Exemplar ab. In welchem Zusammenhang dieses aufwändig, weil detailliert hergestellte Relief angefertigt wurde, war auch aus dem Museum Carnuntinum nicht zu erfahren.

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Abb. 1 Verkleinerte Gipskopie eines Mithrasreliefs aus Petronell-Carnuntum
© Wissenschaftliche Sammlung des Instituts für Vorderasiatische Archäologie

Doch wie kam das Objekt in unsere Sammlung?

Auf der Rückseite (Abb. 2) geben Vermerke, die in mindestens drei unterschiedlichen Beschriftungen von Hand mit verschiedenfarbigen Stiften ausgeführt sind, Hinweise auf die verschiedenen Stationen.

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Abb. 2 Rückseite des Mithrasreliefs mit Beschriftungen
© Wissenschaftliche Sammlung des Instituts für Vorderasiatische Archäologie

Mittig finden sich in Handschrift 1 zwei Zeilen mit den Begriffen „Mithras-darstellung” und „Carnuntum”, gesperrt geschrieben. Dass die Bemerkung „[Carl?] Trajan” in der oberen linken Ecke von derselben Hand stammt, erscheint immerhin möglich. Zu dieser letzten Bemerkung gehörte vermutlich das Wort, das sich rechts oben findet (bzw. die beiden Wörter, die sich dort möglicherweise auf zwei Zeilen finden), vielleicht als „Ed. …” zu lesen.
Eines der beigelegten Schriftstücke war ein Blatt (feinsäuberlich aus einem französischsprachigen Buch herausgeschnitten) (Abb. 3) mit der handschriftlichen Notiz der Anschrift eines Juweliers aus Zürich mit Adresse in München, überschrieben mit dem Begriff „Besitzer”, und der Angabe „Von Baron Edmund MacArrow” (= Baydes oder Daudes), der mit dem Titel Hofrat a.D. unter Angabe seines Münchner Wohnsitzes aufgeführt ist. Ein darüber notiertes Datum lautet 17.VII.30.

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Abb. 3 Handschriftliche Notiz mit der Nennung zweier Personen
© Wissenschaftliche Sammlung des Instituts für Vorderasiatische Archäologie

Mit Bleistift in Handschrift 2 geschrieben steht in der unteren linken Ecke der Relief-Rückseite die Datumsangabe 4 (oder 14 oder 24) VII 08, die sich auf die vermutlich erste Erwerbung oder den Erhalt des Objekts beziehen könnte.
Der Name „Fritz Hommel”, möglicherweise ebenfalls in Handschrift 2, in der rechten unteren Ecke nennt den unmittelbaren Vorbesitzer: Das Mithrasrelief und die in seinem Zusammenhang gefundene Dokumente dürften aus dem Nachlass des Münchner Orientalisten Fritz Hommel (1854-1936) stammen und mit der Übernahme von Büchern aus der Bibliothek seines Schwiegersohnes, des Bauhistorikers Theodor Dombart (1884-1969), an das Institut gelangt sein. Aus Berichten von Studierenden der ersten Stunde wissen wir von Barthel Hroudas Übernahme von Büchern aus der Bibliothek des gerade verstorbenen Theodor Dombart kurz nach seiner Berufung 1969 auf den Lehrstuhl für Vorderasiatische Archäologie an der LMU. Es ist wahrscheinlich, dass unser Fund in diesem Zusammenhang zu sehen ist. Von der Hand Hroudas (Handschrift 3) dürfte auch die mit Bleistift geschriebene Ergänzung „von Diocletian errichtet” in runden Klammern stammen.

Der Weg des Objektes scheint so zu sein: Vermutlich 1908 wurde das Mithrasrelief durch den Züricher Juwelier erworben. 1930 gelangte es durch Vermittlung von Baron MacArrow an Fritz Hommel. 1969 erhielt es das Institut für Vorderasiatische Archäologie der LMU München über die Familie Theodor Dombart.

Ansprechpartnerin: Dr. Claudia Gruber

 


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